„Wir sind nicht sozial schwach, wir sind finanz-schwach.“

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Wie wir wirkungsvoll Menschen einbinden, die bisher nicht gehört werden.

Ein Drittel der deutschen Bevölkerung fühlt sich in gesellschaftlichen Debatten weitgehend unsichtbar und nicht beachtet, hat „More in Common“ in einer Studie festgestellt. Das kann eine Gefahr für unsere Demokratie sein, denn wenn Menschen glauben, dass ihre Perspektiven und Lebenswirklichkeiten in der Politik keine Rolle spielen, haben sie wenig Anreiz sich zu beteiligen. Im schlimmsten Fall verlieren sie das Vertrauen in unser politisches System, klinken sich gedanklich aus oder neigen sogar dazu sich zu radikalisieren. Das ist in Deutschland nicht anders als in anderen EU-Staaten.

Warum es aber besonders wichtig ist auch Zielgruppen einzubinden, die wir sonst nur schwer erreichen, durfte das Team der Fair Energy Transition for All in den vergangenen zwei Jahren erleben.

Wie müssen wir die Energiewende in der EU – in Deutschland und acht anderen europäischen Ländern – gestalten, dass sie fair auch für die Menschen ist, die wenig Geld haben? Damit haben sich ca. 900 Menschen aus finanziell schwierigen Situationen in Fokusgruppen beschäftigt: Langzeitarbeitslose, von Armut betroffene Senior:innen, Jugendliche ohne Schulabschluss oder mit Schwierigkeiten einen Ausbildungsplatz zu finden, Alleinerziehende und Menschen mit Migrationsgeschichte. Expert:innen mit unterschiedlichen fachlichen Hintergründen haben die Diskussionsergebnisse aus diesen Dialogen in Maßnahmen „übersetzt“. In abschließenden „Fair Energy Forums“ kamen Betroffene erneut zusammen, um die Maßnahmenvorschläge der Expert:innen nochmals aus ihrer Perspektive zu beleuchten, zu kommentieren und sie zu priorisieren.

Forum Faire Energiewende: Was liegt den Bürger:innen in Deutschland besonders am Herzen?

Auch in Deutschland wurde lebhaft diskutiert: Aus Dortmund, Düsseldorf, Berlin, Langenhagen und Hannover kamen am 9. Juli 16 Menschen in den Kaiserhof nach Hannover zum „Forum Faire Energiewende“. Die Stimmung war von Anfang an gelöst, locker, witzig und außergewöhnlich gut. Unglaublich schnell sprudelten aus den Teilnehmenden wertvolle Anmerkungen, die für die Gestaltung politischer Maßnahmen wichtig sind, aber selten ihren Weg in die politische Debatte finden. Zum Beispiel:

  • Ein 365 Euro-Ticket macht für Menschen kaum Sinn, die nicht viel Geld haben: Sie können den Betrag nicht auf einmal zahlen, und wenn sie im Sommer Fahrrad fahren, und das Ticket nicht brauchen, haben sie umsonst Geld ausgegeben. Hier wurden Prepaid-Karten oder 1 Euro/Tag-Optionen vorgeschlagen.
  • Die Energie- und Stromkosten liegen bei arbeitslosen Menschen, chronisch kranken Menschen oder Frührentner:innen oft deutlich über dem Durchschnitt, weil sie viel mehr Zeit zu Hause verbringen als Arbeitnehmer:innen, die morgens das Haus verlassen und abends nach Hause kommen.
  • Energiespargeräte oder den Austausch ihrer Geräte können sich Menschen mit wenig Geld nicht leisten und es gibt nur mangelhafte Unterstützung vieler Vermieter:innen.

Es hat sich gezeigt: Viele Lebenswirklichkeiten, die es im Land und in der EU zuhauf gibt, werden in der politischen Gestaltung bisher kaum wahrgenommen und berücksichtigt. Dabei ist es so wertvoll und wichtig, diese Perspektiven und die Menschen dahinter einzubeziehen.

Da ist zum Beispiel Michaela (alle Namen geändert) aus Hannover, die auf Grund ihrer chronischen Erkrankung früh verrentet ist und vom Existenzminimum leben muss. Sie engagiert sich für die Interessen von Menschen wie sie, und sagt: „Wir sind nicht sozial schwach, wir sind finanz-schwach.“

Peter aus Dortmund treibt das Thema Energiesparen um, und er macht sich Sorgen, dass zu wenig passiert. Er wünscht sich, dass die Politik weniger aus der Situation heraus und mehr für die Zukunft macht. „Es ist wichtig, überhaupt mal was loszuwerden.“

Rudi aus Dortmund sagt: „Bei dem 9 Euro-Ticket finde ich blöd, dass jeder nur neun Euro zahlen muss – auch wenn man 3.000 Euro oder mehr monatlich verdient.“ 

Das Team von Missions Publiques, die die Fokusgruppen in Frankreich umgesetzt haben, haben ähnliche Stimmen eingefangen.

Wie wird der Dialog mit finanz-schwachen Zielgruppen zum Erfolg?

Aus unserer Arbeit im Projekt Fair Energy Transition for All und anderen Projekten wissen wir, wie der Dialog mit Menschen gelingt, die sonst weniger an politischen Prozessen teilhaben und seltener an Wahlen teilnehmen:

  1. Wir erreichen die Menschen nur da, wo sie sich in ihrem Alltag aufhalten: beim AWO-Seniorenfrühstück, in Maßnahmen der Arbeitsagenturen, im Familienzentrum, bei der Caritas etc. Um die Menschen zu erreichen, braucht es viel Zeit und eine gute Zusammenarbeit mit Multiplikator:innen.
  2. Wir müssen verständlich und nahbar kommunizieren. Egal ob in einer E-Mail, vor Ort oder in der Dokumentation: Unsere Sprache ist leicht verständlich, auf Augenhöhe und locker. Wir hören nicht nur zu, sondern sehen auch den Menschen dahinter. So entstehen Nähe und Miteinander.
  3. Wir wählen Methoden, die Leute abholen und einbinden: Statt langer Vorträge machen wir kurzweilige Interviews. Wir arbeiten mit Bildern. Wir stellen sicher, dass alle zu Wort kommen. Und: Wir machen regelmäßig kurze Pausen – auch wenn es außerplanmäßig sein sollte, die Bedürfnisse der Teilnehmenden stehen im Vordergrund. So wird die gemeinsame Arbeit für alle zum Erfolg!
  4. Wir müssen sicherstellen, dass die Ergebnisse auch wirksam werden. Wer soll mit den Ideen und Rückmeldungen der Bürger:innen weiterarbeiten? Wie fließen sie in die Gestaltung politischer Maßnahmen ein? Wie in jeder guten Bürgerbeteiligung sind das auch hier zentrale Fragen, die am Anfang beantwortet werden müssen. Außerdem müssen wir sicherstellen, dass die Bürger:innen informiert werden, was mit ihren Ergebnissen im weiteren Prozess passiert. Kommunikation auf Augenhöhe und gegenseitige Wertschätzung enden nicht mit der Beteiligung.

Wie geht es weiter?

Die Ergebnisse des Projekts Fair Energy Transition for All werden jetzt zusammengefasst und sowohl auf deutscher Ebene, als auch in den anderen acht Ländern und auf EU-Ebene an Entscheidungsträger:innen kommuniziert. ifok ist verantwortlich für die Steuerung des Gesamtprojekts auf europäischer Ebene und die Umsetzung in Deutschland. Dabei arbeitet ifok im Auftrag der King Baudouin Foundation, der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, der Stiftung Mercator und weiterer europäischer Stiftungen.

Aus der bisherigen Kommunikation der Ergebnisse an Entscheidungsträger:innen wissen wir: Das Interesse ist riesig. Es klingt so einfach, aber bisher sprechen wir im politischen Raum kaum mit Menschen mit finanz-schwachen Hintergründen.

Unsere Hoffnung: Das passiert in Zukunft viel häufiger! Wir stehen bereit.

Geschrieben von Jenny Rübel, Richard Steinberg und Jacob Birkenhäger

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Jacob Birkenhäger

Geschäftsfeldleiter | Deliberation, Open Government, Demokratie

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