Potenziale eines gesellschaftlichen Dialogs zum Thema Bioökonomie

Die Weisheit der Vielen nutzen

Eine biobasierte Wirtschaft kann bedeutend zur Erreichung globaler Nachhaltigkeit beitragen. Die Umsetzung muss aber sorgfältig begleitet werden, um Zielkonflikte konstruktiv zu lösen. Dazu bedarf es eines gesellschaftlichen Dialogs, der Fachleute und Bürger/innen in politische Prozesse einbezieht.

Bioökonomie: Das klingt in den Ohren der meisten Bürger/innen zunächst einmal sehr abstrakt. Einige assoziieren den Begriff mit Ökolandbau, andere mit grüner Gentechnik. Bioökonomie ist jedoch viel mehr, denn sie kann eine Brücke zwischen Technologie, Ökologie und effizienter Wirtschaft schlagen. Der Bioökonomierat der Bundesregierung setzt Bioökonomie daher in einen umfassenderen Kontext, nämlich den Umstieg auf ein zukunftsfähiges, biobasiertes Wirtschaften: „Die Bioökonomie wird definiert als die Erzeugung und Nutzung biologischer Ressourcen (auch Wissen), um Produkte, Verfahren und Dienstleistungen in allen wirtschaftlichen Sektoren im Rahmen eines zukunftsfähigen Wirtschaftssystems bereitzustellen.“ (Bioökonomierat – unabhängiges Beratungsgremium für die Bundesregierung). Pflanzen, Tiere und Mikroorganismen werden also als biologische Ressourcen genutzt.
Noch findet das Thema in der Öffentlichkeit nur eine geringe Beachtung. Deswegen erscheint ein Dialog dazu, wie das Potenzial der Bioökonomie für eine nachhaltige Entwicklung sowie die Umsetzung der Globalen Nachhaltigkeitsziele (SDGs) genutzt werden kann und somit eine bioökonomische Transformation gelingt, unerlässlich. Die Gesellschaft steht vor der Herausforderung – gemeinsam mit Politik, Wissenschaft und Wirtschaft – die Rahmenbedingungen und Kriterien für eine nachhaltige Bioökonomie zu setzen. Zugleich müssen auch die Fachleute zu einer transparenten Verständigung mit den politischen Entscheider/innen kommen – praxisnah und jenseits akademischer Elfenbeintürme.

Herausforderungen für einen Dialog zur Bioökonomie

Die ersten konkreten Schritte auf dem Weg zu einer biobasierten Wirtschaft sind bereits gemacht. Sie zeigen das große Potenzial dieser Wirtschaftsweise auf. Gleichzeitig wird deutlich, dass die Nutzung der Ressourcen in der Bioökonomie sorgfältig abgewogen werden muss, um Zielkonflikte im Hinblick auf eine nachhaltige Entwicklung konstruktiv zu lösen. Eine biobasierte Wirtschaft muss dem Anspruch der Nachhaltigkeit gerecht werden, um auf gesellschaftliche Akzeptanz zu stoßen. Ohne Frage hat die Bioökonomie das Potenzial, entscheidende Lösungsbeiträge für eine nachhaltige Wirtschaftsweise zu leisten. Wie dies gelingen kann, muss im Dialog zwischen Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft ausgearbeitet werden.
Ein breiter gesellschaftlicher Dialog ist von zentraler Bedeutung, um Vertrauen aufzubauen und die Chancen und Herausforderungen bioökonomischer Innovationen transparent abzuwägen. Dialogprozesse, die Fachleute ebenso wie Interessenvertreter/innen und Bürger/innen – im Sinne der „Weisheit der Vielen“ – in politische Prozesse einbeziehen, haben sich als erfolgreicher Ansatz bestätigt. Das Thema Bioökonomie zeichnet sich dabei durch eine beträchtliche Bandbreite aus. Entsprechend groß fällt der Informationsbedarf bei den Bürger/innen aus, denn weite Teile der Diskussion finden bislang in einer rein wissenschaftlichen beziehungsweise fachlichen Umgebung statt und sind daher der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt. Auch innerhalb des Fachdiskurses können über einen moderierten Austausch neue, wertvolle Beurteilungen generiert werden. Überdies gibt es im Kontext der Bioökonomie zahlreiche Themen mit hohem Konfliktpotenzial, wichtige ethische und normative Fragen sind zu klären. Viele Aspekte der Bioökonomie haben zudem eine hohe Alltagsrelevanz, beispielsweise die Themen Ernährung, Mobilität und Kreislaufwirtschaft. Vor diesem Hintergrund ergeben sich vielfältige Dialog-Bedarfe bei Bürger/innen und Fachleuten.

Erhebliches Konfliktpotenzial

Dazu zählt auch der Einsatz von (Bio-)Technologien in Landwirtschaft und Ernährung, der in der Bevölkerung größtenteils kritisch gesehen wird. In der globalen Betrachtung ist zudem vor allem der Anbau von Rohstoffen wie Palmöl in den Ländern des Globalen Südens mit seinen oft dramatischen Folgen für Mensch und Natur ein umstrittenes Thema. Das Thema Abfall/Ressourcenentsorgung bietet mit Punkten wie Kreislaufwirtschaft, Müllvermeidung oder Plastik (Stichwort „biobasiert“ versus „bioabbaubar“) ebenfalls gute Ansätze für einen Diskurs. Allen Themen gemein ist das teilweise erhebliche Konfliktpotenzial zwischen gesellschaftlichen Zielen und einzelnen Interessen von Anspruchsgruppen. Aus Perspektive der Expert/innen sind – neben den genannten allgemeingültigen Aspekten – besonders folgende Themenfelder relevant:
  • Politik-Kongruenz, also die Abgrenzung und Verknüpfung des Themas Bioökonomie und die systematische Aufarbeitung von Querschnittsthemen in politischen Strategien und Arbeitsfeldern rund um die Bioökonomie;
  • Werkzeuge und Methoden wie Monitoringinstrumente, Modelle für bioökonomische Wertschöpfungsketten sowie Ansätze zu Bewertung von Bioökonomie-Produkten und deren Nachhaltigkeitsbeiträgen;
  • ökonomische Aspekte wie die Internalisierung externer Kosten („wahre Preise“) oder Fördermodelle für biobasierte Produkte und Anreizsysteme für Verbraucher/innen und nachhaltigen Konsum sowie
  • mögliche Konfliktfelder rund um die Auswirkungen einer Bioökonomie auf die Biodiversität sowie Umwelt- und Naturschutz.
Der Diskurs sollte unbedingt mit ressortübergreifender Beteiligung der politischen Entscheider geführt werden.

Gewusst wie – die Gestaltung eines gesellschaftlichen Dialogs

Für einen erfolgreichen Dialog muss das Thema Bioökonomie in die Breite der Gesellschaft getragen werden, um einerseits Bürger/innen zu mobilisieren und zu involvieren und andererseits innerhalb der Fachcommunity den Aspekt der Inter- und Transdisziplinarität zu verstärken. Gleichzeitig sollte ein gesellschaftlicher Dialog Dopplungen mit bereits laufenden Diskursen vermeiden und versuchen, bereits bestehende (Fach-)Dialoge aufzugreifen und zu verknüpfen. Dazu bedarf es einer klugen Verzahnung von geeigneten zivilgesellschaftlichen Formaten wie Bürger/innenwerkstätten (zur niedrigschwelligen Einbindung von Bürger/innen), Jugend-Innovationsworkshops (in Kooperation mit Schulen, Unternehmen und Universitäten) sowie von Formaten zur informativen Begleitung wie Onlineplattformen und Wanderausstellungen als auch von Fachformaten wie regionalen Fachforen (für eine fachliche Verständigung und die Erarbeitung von Handlungsempfehlungen). Im Rahmen einer gemeinsamen Nationalen Jahreskonferenz können die Akteur/innen öffentlichkeitswirksam zusammengebracht werden.
Für eine gelingende gesellschaftliche Debatte gilt es, Bürger/innen auf Augenhöhe einzubinden und, insbesondere bei kritischen Themen, einen offenen, wertschätzenden Austausch zu ermöglichen. Mit Blick auf das emotional aufgeladene Thema Landwirtschaft sollten Praktiker/innen aus der Landwirtschaft eingebunden und mit Bürger/innen direkt in den Dialog gebracht werden, um ein besseres gemeinsames Verständnis der Herausforderungen und Fragestellungen zu definieren. Dabei gilt es, die Debatte möglichst lebensweltbezogen zu gestalten, beispielsweise anhand von Fragen wie „Welche Kriterien sind uns für die Produktion eines nachhaltigen Produkts wichtig?“ und „Welche Erwartungen haben wir an Produzent/innen, Staat, Handel …?“. Bei allen Dialogen für Bürger/innen sollten Expert/innen eingebunden sein, um für eine gute Rückspiegelung in den Fachdiskurs zu sorgen.

Gemeinsame Vision für eine Bioökonomie

Wenn dieser Schulterschluss gelingt, bietet ein Dialog zur Bioökonomie zahlreiche Chancen. Das Thema kann zum einen deutlich bekannter gemacht und damit im gesellschaftlichen Bewusstsein neu platziert werden. Die Politik, aber auch die Fachcommunity können zum anderen über die Rückkoppelung mit den Bürger/innen für deren Erwartungen und deren Mitgestaltungsbedürfnis sensibilisiert werden und wichtige Impulse aufnehmen.
Ein breiter gesellschaftlicher Dialog kann dazu beitragen, eine gemeinsame Vision für eine nachhaltige Bioökonomie und konkrete Handlungsempfehlungen zu entwickeln und auf diese Weise den gesellschaftlichen Transformationsprozess und die Etablierung von nachhaltigen Konsum- und Produktionsmustern befördern.

Ausblick

Ein gesellschaftlicher Dialog zur Bioökonomie kann ein Meilenstein zur Etablierung einer nachhaltigen Bioökonomie sein und wichtige Beiträge zur Umsetzung der SDGs in und durch Deutschland leisten. Es existiert bereits eine intensive, vielschichtige Fachdebatte verschiedenster Fachcommunities – der Diskurs ergibt aber erst ein rundes Bild, wenn die Bürger/innen einbezogen werden. Auf diese Weise kann zudem eine Skalierung und Strukturierung der gesellschaftlichen Debatte gelingen. Als neuer Weg in der Bioökonomie-Debatte macht ein gesellschaftlicher Dialog die „Weisheit der Vielen“ für eine nachhaltige, biobasierte Wirtschaft in Deutschland nutzbar.

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